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»Dirigieren ist mehr als Takt angeben.«

20. Juni Veröffentlicht von

Judith Kubitz (c) joerg p. bongartz

 

 

 

 

Als Gastdirigentin leitet Judith Kubitz die Neue Lausitzer Philharmonie in dem Doppeltanzabend »Sacre«. Wir haben nachgefragt, wie die gebürtige Bautzenerin zu ihrem ungewöhnlichen Beruf kam.

Wie sind Sie zur klassischen Musik und schließlich zum Beruf der Dirigentin gekommen?
JK: Als jüngste von vier Geschwistern wuchs ich in einer Familie auf, in der klassische Musik allgegenwärtig war. Die drei älteren übten schon ein Instrument, soweit ich mich in meine Kindheit zurückerinnern kann. Unweigerlich wurde auch ich in die Bautzener Musikschule aufgenommen, lernte Violine und Klavier spielen und durchlief dort alle Stufen des Chorgesanges und Orchesterspiels bis zum Ende der Schulzeit. Zum Dirigieren gab es in der Tat ein Schlüsselerlebnis: Beim alljährlich stattfindenden Chorleiterseminar saß ich im Übungschor und einer der Dozenten drückte mir plötzlich den Taktstock in die Hand und forderte mich 12-jährige zum Dirigieren auf. Alle waren erstaunt, ich infiziert, blieb dran und das bis heute!

Ihr Beruf ist ja eher eine Männerdomäne. Haben Sie manchmal gegen Vorurteile zu kämpfen und – falls ja – wie gehen Sie damit um?
JK: Vorurteile gibt es in der Tat! Ich kämpfe nicht dagegen sondern bin eher sehr zuversichtlich. Unsere Gesellschaft befindet sich diesbezüglich im Wandel. Erinnern wir uns, dass vor 50 Jahren einige Orchester noch stolz darauf waren nur aus Männern zu bestehen. Während des Studiums stellte sich mir diese Frage nie, weder von Seiten der Professoren noch von meinen überwiegend männlichen Kommilitonen. Jeder Dirigent hat seine soziale, kulturelle Herkunft sowie auch seine musikalische Ausbildung. Das prägt ihn und bestimmt seine individuelle Art zu dirigieren. Dirigieren ist eine nonverbale Ausdrucksweise. Jeder Dirigent muss seine Art sich auszudrücken, mit seinen anatomischen Gegebenheiten in Einklang bringen. Das gemeinsame Musizieren, eine gegenseitige Inspiration sowie der wortlose Dialog zwischen Dirigent und Orchester sind die Mittel, mit denen aus einer Aufführung ein besonderes Erlebnis für Musiker und Publikum wird. Es spielt nicht so eine wichtige Rolle ob eine Frau oder ein Mann am Pult steht. Die Öffentlichkeit thematisiert das natürlich immer wieder. Soll sie auch die Antwort darauf finden.

Sie sind geboren in Bautzen, gehören der sorbischen Kultur an, haben in Weimar, Paris und London studiert. Zieht es Sie eher in die große Welt oder in die Heimat?
JK: Dass ich Sorbin bin, ist sicherlich der Grund dafür, dass mein Hauptwohnsitz immer in Bautzen geblieben ist. Wenn man so wie ich viel unterwegs ist, hat Bautzen verkehrstechnisch ja eher Nachteile. Aber es besteht schon eine starke emotionale Bindung durch meine sorbische Identität. Daher suchte und fand ich auch immer wieder Gelegenheiten, am sorbischen Musikleben teilzuhaben. Erst vor einem halben Jahr leitete ich die CD-Aufzeichnung eines sorbischen Oratoriums.

Welchen Herausforderungen in der Musik müssen Sie sich immer wieder stellen?
JK: Bei der Einstudierung eines Werkes geht es mir stets darum, das musikalische Empfinden eines jeden Musikers im Orchester zu wecken und abzurufen. Nur ein Musizieren miteinander erlaubt uns ehrliche  Interpretation, die für das Publikum zum Hörerlebnis werden kann. Die eigentliche Arbeit des Dirigenten beginnt mit der minutiösen Analyse der Partitur. Vor der ersten Probe muss man das Werk bereits im Körper haben. Erst das erlaubt ihm, sich nonverbal klar auszudrücken. Eine ganz spezielle Situation ergibt sich immer, wenn man als Dirigent vor einem neuen Orchester steht. Es ist für mich die erste Zusammenarbeit mit der Neuen Lausitzer Philharmonie. Ich bin gespannt und freue mich darauf!

Was reizt Sie an dem Doppeltanzabend »Sacre« besonders?  
JK: Das ist zunächst die Musik von Igor Stravinsky. Das Stück galt wegen seines Schwierigkeitsgrades lange Zeit als unspielbar. Mittlerweile gehört es zum erweiterten Konzertrepertoire. Es bereitet mir intellektuellen Genuss, die für die damalige Zeit neuartigen Klangfarben und Effekte zu erschließen und die rhythmischen Eigenwilligkeiten quasi mathematisch zu analysieren. Schuberts hinterlassene Fragmente waren ja zunächst auch nicht aufzuführen. Erst die verbindende Musik von Berio ermöglicht uns die Annäherung an die von Schubert in Skizzen überlieferte Musik, die vielleicht mal eine 10. Sinfonie geworden wäre. Die Interpretation soll darüber hinaus noch die dramaturgische Idee der Choreografie tragen.

Welche Herausforderungen sind mit der Inszenierung im Stadthallengarten verbunden?
JK: »Open Air« schafft für das Publikum stets ein beliebtes Ambiente. Wahrscheinlich erreicht man damit auch Publikum, das in den Konzertsaal oder ins Opernhaus nicht kommt. Für Ballett und Orchester ergeben sich immer zusätzliche Schwierigkeiten. Abgesehen von der Unwägbarkeit des Wetters ergeben sich draußen stets ungewohnte Hörsituationen, die das Zusammenspiel erschweren können. Wind verweht den Schall aber ggf. auch Notenblätter. Ich musste schon einmal einen halben Opern-Akt mit einer Hand dirigieren weil die zweite Hand die Noten festhalten musste. Erst meine im Publikum sitzende Schwester erkannte meine Not, schlich nach vorn, setzte sich unters Pult und hielt die Partitur bis zur Pause fest.

»Sacre«
Doppel-Tanzabend von Dan Pelleg und Marko E. Weigert
24.06. bis 09.07., jeweils 20:00 Uhr – STADTHALLENGARTEN GÖRLITZ

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