Aktuell

« Zurück zur Übersicht

Gesund – für und durch die Musik

26. Januar Veröffentlicht von

g51_s2_gesundes orchester_(c)Schloß Kapfenburg

Als erstes deutsches Profiorchester erhält die Neue Lausitzer Philharmonie die Zertifizierung »gesundes orchester«. Das ist vor allem dem Engagement einer einzelnen Dame zu verdanken.

»Musik kann die Gesundheit gefährden« – allein und für sich stehend wirkt dieser Ausspruch einigermaßen polemisch und es besteht kaum die Aussicht, damit auf breite Zustimmung zu treffen. Schließlich vermag es Musik wie kaum ein anderes Medium, Menschen auf einfache Weise mit Glück zu erfüllen. Sie kann Schmerzen lindern, psychische Barrieren überwinden und Kommunikation ermöglichen. Die positive Wirkung aktiven Musizierens auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist ebenso wenig umstritten wie seine, die Lebensqualität verbessernde Wirkung insbesondere im Alter.
Kurzum: Musik gilt uns als uraltes emotionales Bedürfnis und begründet darin auch ihre heilsame Wirkung.
Wie fit und ausgeglichen, möchte man fragen, müssen dann erst Musikerinnen und Musiker sein – zumal dann, wenn sie sich hauptberuflich klassischer Musik, der Königsdisziplin musikalischen Schaffens und zweifellos einer ihrer entspannendsten Erscheinungsformen, widmen?
Wer so denkt, sitzt allerdings einem großen Trugschluss auf, wie Caroline Schenk erklärt: »Die gesundheitliche Belastung von Musikern ist außerordentlich hoch: teilweise sitzen Orchestermusiker bis zu fünf Stunden am Stück in verdrehten, einseitigen Positionen. Ist der Geist während des orchestralen Zusammenspiels maximal gefordert, sind Musizierende aufgrund der spezifischen Bewegung körperlich nicht optimal ausgelastet. An diesen Auslösern musikerspezifischer Erkrankungen lässt sich nur bedingt etwas ändern und die Gefahr, dass bereits kleinste Probleme das berufliche Aus bedeuten, ist allgegenwärtig – das vergisst man allzu häufig«.
Einfach hinnehmen wollte die Violinistin, die seit 2004 Mitglied der Neuen Lausitzer Philharmonie ist und dort die Erste Violine spielt, diesen Umstand jedoch nicht: »Bereits während meines Studiums merkte ich, dass mir neben der mentalen und physischen Belastung ein Ausgleich fehlte. Ich fühlte mich daher sofort angesprochen, als ich das erste Mal von der Möglichkeit hörte, sich in der Internationalen Musikschulakademie Kulturzentrum Schloss Kapfenburg zur Gesundheitsmentorin ausbilden zu lassen und wurde glücklicherweise in meinem Vorhaben durch die Geschäftsleitung unterstützt«.
Bereits seit 2014 werden in der stilvollen, ehemaligen Deutschordensfeste in Baden-Württemberg Musikerinnen und Musiker aller Altersbereiche im Projekt »gesundes orchester« gezielt in Themen der Musikergesundheit geschult, um im Anschluss an die zertifizierte Ausbildung als Ansprechpartner für das gesamte Orchester zu fungieren. An drei Wochenenden im Jahr 2016 durchlief auch Caroline Schenk diese Ausbildung, in denen sie in Bereichen wie Musikergesundheit, Bewegung, Arbeitsschutz und Körperwahrnehmung qualifiziert wurde. Im Anschluss an die theoretische Ausbildung schloss sich eine Praxisphase, in der das Gelernte an einem Modellorchester angewandt werden konnte: »Es ist wirklich erstaunlich, wie etwa Aufwärm- und Atemübungen das Einspielen verkürzen und den Probenalltag insgesamt entspannen können«, schwärmt Caroline Schenk von den Möglichkeiten, die sich ihr und den Musikern der Neuen Lausitzer Philharmonie inzwischen bieten.
Ihre Freizeit opferte sie dafür gern: »Ich glaube, ich habe ein ganz gutes Gespür dafür, wo Schwierigkeiten auftauchen können und dann ist es mir lieber, ich kenne Möglichkeiten zur Abhilfe, als Problemen hilflos ausgeliefert zu sein«, sagt sie.
Auch ihre Mitstreiter greifen gern auf das neu erlangte Fachwissen zurück: »Gerade die jüngeren Kollegen sind sehr offen gegenüber den neuen Möglichkeiten und vor allem die Streicher, die oftmals durchgängig spielen müssen und daher besonders gefordert sind, profitieren von den präventiven Angeboten«.
Damit ist die ehrgeizige Violinistin aber noch längst nicht am Ende ihres Planes angelangt: aller zwei Jahre wird sie sich nun rezertifizieren lassen und träumt davon, das Angebot auf das gesamte Theater auszuweiten: »Ich würde gern ein Konzept für alle Bereiche des Hauses entwickeln«, berichtet sie, »schließlich gibt es derartige Probleme in allen Abteilungen. Im besten Fall kann ich dafür mit einem Netzwerk aus Fachpersonal ein ganzheitliches Konzept entwickeln«.
So viel Engagement bleibt freilich nicht unentlohnt: Als erstes deutsches Profiorchester wird die Neue Lausitzer Philharmonie am 2. Februar im Vorfeld der Premiere des 4. Philharmonischen Konzertes in Görlitz zertifiziert und darf sich fortan offiziell »gesundes orchester« nennen. Der Applaus an diesem Abend gilt dann zweifellos auch Caroline Schenk, deren Einsatz ab sofort entscheidend dazu beiträgt, dass die Neue Lausitzer Philharmonie ihr musikalischen Potential voll ausschöpfen kann.

Kommentare